Kooperation: Ärztenetze mit neuer Macht
Kiel, 25. Januar 2010: 31 Praxisnetze gibt es allein in Schleswig-Holstein, jeder vierte niedergelassene Arzt im Norden ist in einem Netz organisiert. Ihr Organisationsgrad ist unterschiedlich, aber ein Trend ist absehbar, wie Dr. Svante Gehring aus dem Vorstand der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein auf einem Forum für niedergelassene Ärzte beim Kongress Vernetzte Gesundheit in Kiel berichtete.

Denn weil Anschubfinanzierungen durch Krankenkassen oder Industrie heute eine Ausnahme sind, sehen sich immer mehr Netze gezwungen, neue Versorgungskonzepte und Geschäftsfelder zu erschließen. Die Folge: Netze wechseln, wie jüngst das Hausarztnetz Norderstedt, ihre Rechtsform in eine GmbH.

Die Notwendigkeit zur Netzgründung ist nach Ansicht Gehrings heute größer denn je, um den in den ambulanten Sektor drängenden Kliniken auf Augenhöhe begegnen zu können. Dabei setzen die Netze aber auf völlig unterschiedliche Strategien. Dies wurde in Berichten aus drei Ärztenetzen im Norden deutlich:

  • Das geplante Gesundheitsnetz Ostholstein: In der Region interessieren sich neben Ärztenetzen und Kliniken derzeit auch andere Gesundheitsberufe aus Therapeutenpraxen und Pflegediensten für ein gemeinsames Netz, das über eine Managementgesellschaft Kooperationsverträge mit den einzelnen Leistungserbringern und mit Kostenträgern verhandelt. Ziel sind Versorgungsverträge für die Region mit rund 200 000 Einwohnern, in der es 250 Arztpraxen gibt, fünf Kliniken sowie einen Verbund niedergelassener Therapeuten und ambulanter Pflegedienste.
  • Vorbild ist das Gesunde Kinzigtal. Einsparungen sollen durch Vermeidung von Ineffizienzen erreicht werden. So soll die Kooperation der Netzakteure zu weniger Fehleinweisungen, zu beschleunigten Praxisabläufen, geringeren Krankengeldzahlungen und zu geringeren Medikamentenkosten führen.

  • Das Regionale Praxisnetz Kiel (RPN): Das mit 425 Ärzten aus 300 Praxen größte Netz im Norden gilt auch als das mächtigste. Kieler Kliniken, aber auch Standesorganisationen scheuen Konflikte mit dem Netz, das 85 Prozent der niedergelassenen Ärzte aus der Region vereint.
  • Das RPN finanziert sich noch heute aus den Einnahmen eines Vertrags mit der AOK, der kurz nach Gründung im Jahr 1997 abgeschlossen wurde. Das Netz partizipierte an Einsparungen der Kasse durch weniger Klinikeinweisungen und geringere Arzneimittelausgaben. RPN-Vorstand Dr. Wolfgang Keil rät großen Netzen zu Unternetzen in den Stadtteilen und zu einer professionell besetzten Leitstelle, die die Organisation übernimmt. Auch unter Patienten ist das Ärztenetz inzwischen bekannt, weil es unter anderem Proteste organisiert und auf seiner Homepage eine Suchfunktion mit den medizinischen Angeboten der Netzmitglieder geschaffen hat.

  • Medizinisches Qualitätsnetz Westküste (MQW): Das Netz in Dithmarschen wurde vor elf Jahren gegründet, um sich den speziellen Herausforderungen der ländlichen Region zu stellen: Lange Wege und Wartezeiten für die Patienten und Sorgen um den ärztlichen Nachwuchs. Das Netz begegnet diesen Problemen durch eine enge Kommunikation der 90 Ärzte aus 70 Praxen. Schon seit Jahren wird mit einer elektronischen Patientenakte gearbeitet, die den Ärzten einen schnellen Überblick bietet. Zugleich wird gemeinsam mit der Klinik in der Region nach Lösungen für den Ärztemangel gesucht. MQW-Vorstand Dr. Stefan Krüger sieht noch mehr gemeinsame Ziele von Netz und Klinik - etwa zu verhindern, dass durch frei werdende Arztsitze Mittel aus der Region abfließen.
  • Den Netzen wurden auf dem Kongress gute Chancen eingeräumt, ihre Position zu stärken, da Entscheidungskompetenzen zunehmend auf die Akteure vor Ort verlagert werden sollen. Svante Gehring sieht die Netze in der Lage und bereit, die dafür erforderliche Verantwortung zu übernehmen.

     

    Quelle und weitere Informationen: Artikel "Kooperation: Ärztenetze mit neuer Macht" von Dirk Schnack in Ärzte Zeitung online vom 25. Januar 2010