4. Tag der Netze: Vom Einzelkämpfer zum Teamplayer
Berlin, 8. Dezember 2009 - „Regionale Praxisnetze können in der Gesundheitslandschaft der Zukunft eine maßgebliche Rolle hinsichtlich der Patientenversorgung einnehmen. Sie sind ein ideales Instrument, um die Wahrnehmung der niedergelassenen Ärzte in der Region zu verbessern. Durch Netze wird der Einzelkämpfer zum Teamplayer und verbessert damit seine eigene Markt-Position.“ Dies erklärte Thomas Rampoldt, Geschäftsführer der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, auf dem „Tag der Netze“ Ende Oktober in Berlin. Bereits zum vierten Mal waren Netzmanager und –vorstände aus dem gesamten Bundesgebiet der Einladung des NAV-Virchow-Bundes gefolgt, um mit Experten aus Dienstleistung, Verbänden, Genossenschaften und dem Finanzsektor über die Erfordernisse moderner Gesundheitsnetze zu diskutieren.
Genossenschaftsvertreter Rampoldt erläuterte in seinem Referat die Strukturen eines zukunftsfähigen Netzes. Bei aller Heterogenität der Ärztenetze sei es unerlässlich, Ziele zu formulieren und immer wieder zu überprüfen, einen Businessplan zu erstellen, die Aufgaben klar zu verteilen und sämtliche Vereinbarungen schriftlich zu fixieren. Zudem empfehle es sich, bei Verhandlungen um Versorgungsverträge einen erfahrenen Partner wie die Ärztegenossenschaften ins Boot zu holen und auch deren administratives Know-how zu nutzen, um die meist ehrenamtlich tätigen Ärzte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Wichtig sei es, so Rampoldt, die teilnehmenden Ärzte regelmäßig über die Mehrwerte der Netzzugehörigkeit zu informieren und dadurch zu motivieren. Schließlich sei mangelndes Engagement der Mitglieder eine der größten Barrieren in der Netzarbeit.
Dieses Problem hat auch Dr. Stephan Pitum-Weber von der BKK-Dienstleistungsgesellschaft spectrum|K erkannt. „Die Kultur der Zusammenarbeit ist gut, die Performance der Netzwerke jedoch unzureichend“, erklärte er in seinem Referat. Durch fehlenden Unternehmergeist würden die Potenziale der Netze nicht systematisch genutzt. „Gesundheitsnetzwerke sind meist klein und zeichnen sich durch polyzentrische Strukturen aus“, erläuterte Pitum-Weber. Zudem bestünden „enorme Friktionen bei der Beherrschung neuer Finanzierungsformen“. Um sich professionell aufstellen zu können, sollten Netze ihre Ziele – am besten mit Unterstützung eines unabhängigen Moderators – klar definieren und eine medizinisch und kaufmännisch geführte Doppelspitze etablieren. Wichtig sei auch ein belastbarer Businessplan, legte Roland Radtke von der Deutschen Kreditbank AG dar. Er riet den Teilnehmern der Netzkonferenz zu einer vorsichtigen Einnahmekalkulation und einer realistischen Risikoabwägung.
Neue Geschäftsmodelle für Ärztenetze stellten Dr. Stefan Bruns und Bernd Knorr von BerlinChemie vor. „Nur gut gemanagte Patienten sind interessant für die Krankenkassen“, sagte Knorr zu Beginn seiner Präsentation über „Integrierte Behandlungspfade“. Das Ziel der Kassen – ein positiver Deckungsbeitrag innerhalb des Morbi-RSA – sei in der Versorgungsrealität keineswegs die Norm. Um dieses Ziel zu erreichen und somit für die Krankenkassen als Vertragspartner interessant zu werden, seien gut strukturierte integrierte Behandlungspfade ein probates Steuerungsinstrument. „Behandlungspfade sind ein Qualitätskriterium, an dem Ärzte und Netze von den Kassen gemessen werden“, unterstrich Knorr. Dabei sei deren Erarbeitung mit vergleichsweise wenig zusätzlicher Arbeit für die Ärzte verbunden: Bereits in der Praxis durchgeführte Behandlungspfade müssten lediglich visualisiert werden, so Knorr. „Wer macht was wann“ lautet die einfache, aber wesentliche Kernbotschaft an alle Beteiligten.
Dr. Stefan Bruns analysierte, welche Zukunftsperspektiven im Bereich Prävention liegen. Bei seinen Überlegungen spielten die demographische Entwicklung und der damit verbundene höhere Bedarf an Präventionsleistungen eine Rolle. Eine Möglichkeit besteht darin, mit Kooperationspartnern – beispielsweise Krankenhäusern – Präventionszentren zu gründen. Wichtig, so Bruns, seien eine Zielgruppenanalyse und die Entwicklung entsprechender Angebote, die von Ernährungsberatung über Stressmanagement bis hin zu Bewegungskursen reichen könnten. Als besonders geeignet stufte Bruns krankenkassenbezuschusste Angebote sowie die betriebliche Gesundheitsförderung ein. In der anschließenden Diskussion wurde allerdings deutlich, dass der Erfolg von Präventionsangeboten wesentlich vom Belieben der Krankenkassen abhängt. Insbesondere die großen Kassen, die eigene Präventionskurse anbieten, torpedieren häufig die Bemühungen der Netze.
In einem Rollenspiel haben Dr. Klaus Bittmann, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, und Thomas Rampoldt von der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein plastisch dargelegt, wie Verhandlungen zwischen Ärzte- und Krankenkassenvertretern laufen. Dabei wurde deutlich, welche Voraussetzungen die Netze mitbringen sollten, um überhaupt die Chance auf einen Vertragsabschluss zu erhalten.
Da die Verwaltung vieler kleiner Selektivverträge für die Kassen mit erheblichem Mehraufwand verbunden ist, wurde empfohlen, die Administration einem großen Partner wie den Genossenschaften zu übertragen.
Aufgrund des großen Interesses seitens der Teilnehmer soll die Reihe „Tag der Netze“ im kommenden Jahr in die nächste Runde gehen. Themenschwerpunkt dann: Verträge mit Krankenkassen. Hierzu werden namhafte Kassenvertreter erwartet, um in Workshop-Atmosphäre konkrete Vorhaben zu diskutieren.