Behandlungspfade helfen Ärztenetze in Verträge mit Kassen

Berlin, 18.03.2009: Ärztenetze brauchen Behandlungspfade, damit sie funktionieren. Diese können auch bei Vertragsabschlüssen mit Krankenkassen helfen.

"Behandlungspfade sind das Rückgrat eines Netzes", sagte der Geschäftsführer des Ärztenetzes Mittelbaden und Berater Dr. Herbert Hillenbrand beim 4. Kongress der Gesundheitsnetzwerker in Berlin.

Die Umsetzung von verbindlichen Behandlungspfaden in Praxen ist laut Hillenbrand an zwei wichtige Voraussetzungen geknüpft: Die Arztpraxis muss ein funktionierendes Qualitätsmanagement haben und in ein Netz integriert sein. Er sieht gute Chancen für Vertragsabschlüsse mit Krankenkassen, weil unter den Bedingungen des einheitlichen Beitragssatzes und des Morbi-RSA besondere Leistungen mehr zählen.

Die Pfade des Netzes Mittelbaden regeln im Detail, welche Aufgaben der Hausarzt hat, wann die Überweisungen zum Facharzt oder vom Facharzt ins Krankenhaus erfolgen. Ein therapeutisches Stufenschema beschreibt die medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapie, und auch Erfolgskriterien werden festgelegt. Dabei standen laut Hillenbrand die Disease-Management-Programme Pate: "DMP sind umfangreiche Behandlungspfade", sagt er.

Die Ergebnisse besprechen die Ärzte in Qualitätskonferenzen. "Es werden einzelne Ärzte noch nachbessern müssen", sagt Hillenbrand. Ein großes Plus der Pfade: Auch die Inhalte der Arztbriefe sind festgelegt. Hillenbrand betrachtet die Briefe als "Riesenproblem" und hält es für überfällig, dass niedergelassene und Krankenhausärzte sich über die Inhalte verständigen.

Wesentlich weniger detailliert regelt das bekannte Netz QuE in Nürnberg-Nord die Zusammenarbeit der Ärzte. QuE-Leiter Joachim Streb hält nicht viel von indikationsspezifischen Pfaden. Es sei "unheimlich schwierig, sie auf Evidenz zu überprüfen". Also setzt das Netz allgemeine Arbeits- und Verfahrensanweisungen ein. "Diese werden von den Ärzten auch eher mit Leben gefüllt", so Streb.

Die Anweisungen sind nach seinen Angaben "zentrales Steuerungstool" des Netzes. Festgelegt ist darin, wie ein QuE-Patient ins Netz kommt und welche Aufgaben dann Haus-, Fach- und Klinikärzte jeweils haben. So sehen die Anweisungen vor, dass Hausärzte immer die Eintrittspforte ins Netz sind, dass sie Großgeräte nur nach Rücksprache mit einem Facharzt einsetzen und Klinikeinweisungen ganz den Fachärzten überlassen. Umgekehrt ist es ausdrückliche Pflicht des Facharztes, "den Hausarzt als Lotsen anzuerkennen".

Diese Regelung bezeichnet Streb als "Errungenschaft". Obwohl der Netz-Leiter es nicht direkt sagt, zeigt das doch, wie schwierig es Ärzten fällt, sich über Versorgungsbereichsgrenzen hinweg auf gemeinsame Regeln zu verständigen.

Weil das Honorar der Ärzte aus Verträgen mit der AOK, den BKKen und der Bayrischen Beamtenkrankenkasse aus Einsparungen im Bereich der Arznei-, Heil- und Hilfsmittel und der Klinikkosten finanziert wird, müssen die erzielten Einsparungen gemessen werden. Dazu werden etwa der Generikaanteil oder die fallbezogenen Verordnungskosten im Netz dem Durchschnitt der Fachgruppe in Bayern gegenübergestellt.

Aus Kassensicht sind beide Konstruktionen zu begrüßen. André Helten von der Taunus BKK stellte fest, die Praxis zeige, dass die Verwendung der Pfade in Netzen noch lange keine Selbstverständlichkeit sei. "Ich freue mich über jedes Netz das funktioniert und bin begeistert, wenn Behandlungspfade laufen", so der Kassenvertreter.

Schwierigkeiten in Zusammenarbeit zwischen den Facharztgruppen und mit nichtärztlichen Berufsgruppen

Ambulante Behandlungspfade sollen die gesamte ambulante Behandlung eines Patienten regeln. Ihre Gestaltung ist oft schwierig, weil verschiedene Fachgruppen, Versorgungsbereiche und Berufsgruppen zusammenarbeiten müssen. Dazu zählt auch zunehmend die Pflege, weil die Zahl älterer Patienten steigt. In vielen Netzideen sind nichtärztliche Berufsgruppen bislang jedoch kaum berücksichtigt. Ausnahmen gibt es: Das Netz Mittelbaden etwa gestaltet den Behandlungspfad für Schlaganfallpatienten zusammen mit Pflege, Physiotherapeuten, Ergo- und Logopäden. Im Praxisnetz Nürnberg Nord ist ein "Servicezentrum Medizin und Pflege" entstanden, das Pflegebedürftige und Angehörige berät. (ami)

Das Ärztenetz Mittelbaden hat für seine Behandlungspfade sechs Gruppen von Ärzten gebildet, die im Idealfall alle Versorgungsbereiche bis hin zur Reha vertreten sollten, mindestens jedoch Hausärzte und Fachärzte zusammen bringen. Diese Gruppen sammeln, bewerten und gewichten mögliche Behandlungspfade. Im weiteren Verlauf werden dann vorrangig Pfade für Patienten mit häufigen Krankheitsbildern entwickelt, die oft zu Schnittstellenproblemen führen. Diese Pfade werden anderen Netzmitgliedern vorgestellt und extern bewertet. Die Änderungen aus diesen Rückmeldungen werden eingearbeitet. Etwa ein halbes Jahr dauert dieser Prozess. Erst dann geht das Netz auf die Kassen zu.

Quelle und weitere Informationen: Artikel "Behandlungspfade..." von Angela Mißlbeck in Ärzte Zeitung online vom 17. März 2009