3. Tag der Netze: Idee einer gemeinsamen Netzagentur wird immer konkreter
Der Weg von losen Verbünden aus Ärztenetzen muss hin zu einer gemeinsamen unternehmerischen Struktur führen, um eine professionelle Verhandlungsposition für die Krankenkassen und echte Alternative zu den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) darzustellen – das wurde auf dem „3. Tag der Netze“ deutlich, den der NAV-Virchow-Bund, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, am 21. Juni 2008 in Berlin veranstaltete.
In seiner Einleitung wies der Moderator, Dr. Albrecht Kloepfer, auf die Problematik hin, dass der ambulante Anteil an der Vergütung der gesetzlichen Krankenversicherung seit Jahren gegenüber dem Krankenhaus- und Arzneimittelanteil sinkt. Ob er wieder größer werde, sei zweifelhaft, jedoch werde er durch eine steigende Anzahl von Einzelverträgen neu definiert. Solche Verträge könnten geeignet sein, finanzielle Mittel aus anderen Kostenblöcken zurückzuführen. Voraussetzung dafür sei eine bessere Vernetzung der Vertragsärzteschaft und verbesserte Strukturen, um anerkannter Verhandlungspartner der Krankenkassen werden zu können. Kunde aus Sicht von Ärzten und deren Verbünden sei nicht der Patient, sondern die Kasse.
Der NAV-Virchow-Bund wolle laut seinem Bundesvorsitzenden, Dr. Klaus Bittmann, die Interessen der bei diesem Netz-Tag anwesenden Vertreter von Ärztenetzen und Genossenschaften vertreten und damit die Zukunftsfähigkeit des Verbandes beweisen. Die Ärzteschaft habe eigentlich eine Marktmacht, die sie in einer gemeinsamen Netzagentur ausüben könne. Den ärztlichen Netzmitgliedern könnte so neben ihrem täglichen Praxisbetrieb Arbeit durch Dienstleistungen der Netzagentur abgenommen werden. Heute kauften vermehrt Krankenhäuser oder Kapitalgesellschaften Arztsitze für Medizinische Versorgungszentren auf und bänden Versorgungsverantwortung an ihren jeweiligen Bereich. Dabei gelte es, nichtärztliche Interessen, insbesondere von Fremdkapitalgebern, herauszuhalten.
„Selbst die Politik sagt, dass die niedergelassenen Ärzte die begrenzten finanziellen Mittel effektiver einsetzen sollen, was diese Netzagentur tun wird“, stellt Dr. Bittmann fest. Es sei zudem fraglich, ob die erwarteten 2,5 Milliarden Euro Mehrvergütung in 2009 wirklich bei den einzelnen Ärzten ankommen oder woanders im System bleiben würden. In einer gemeinsamen Struktur bliebe jedes Netz eigenständig und vor Ort verankert.
Was eine gemeinsame Netzagentur umfassen sollte, stellte Klaus Greppmeir, Hauptgeschäftsführer des NAV-Virchow-Bundes, anhand einer aktuellen Umfrage des Verbandes aus dem Juni 2008 unter 352 Ärztenetzen vor. Die wesentlichen Ergebnisse: Die Bedeutung von Verbindlichkeit im Netz wird erkannt, während Sanktionsmöglichkeiten eher gescheut werden. Diese seien kein Ziel, würden aber aller Voraussicht nach punktuell in der Zukunft wichtig werden, wenn sie in angemessenen Maßen gehalten werden, war in der Diskussion zu hören. Laut Umfrage wird der Bedarf an Qualifikationsmaßnahmen, Markt- und Machbarkeitsstudien sowie Konfliktmanagement eher klein geschrieben. Fraglich ist, ob dieser Bedarf momentan noch nicht erkannt ist. Die Investitionsbereitschaft ist in den befragten Netzen eher mäßig ausgeprägt, aber vorhanden.
Gemeinsame Netzagentur als Vertragsgemeinschaft und Verhandlungspartner
Aufbauend auf dem aktuellen und früher festgestellten Bedarf erläuterte Dipl.-Vw. Stephan Pitum-Weber, Netzexperte der Universität Potsdam, die mögliche Angebotsstruktur einer gemeinsamen Netzagentur. Diese soll als Dienstleister für bestehende und entstehende Ärztenetze fungieren. „In ihr werden die zentralen Inhalte einer Genossenschaft gelebt: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, kurz: die Mitglieder bringen sich selbst ein“, betonte Pitum-Weber. Die Netzagentur wird wirtschaftlich ausgerichtet sein unter Beibehaltung der Eigenständigkeit der Mitgliedsnetze. Das Ziel ist ein bundesweit flächendeckendes Netz an Gesundheitsnetzen, die unter ärztlicher Aufsicht stehen sollten. Die Agentur bildet eine Vertragsgemeinschaft und soll ein professioneller Verhandlungspartner sein. Sie zielt auf die Geschäftsfeldentwicklung für die Agentur und einzelne Netze. Ein Wissenstransfer zwischen den unterschiedlichen Netzwerkerfahrungen wird erfolgen. Die Netzagentur beabsichtigt, benötigte Dienstleistungstools zu entwickeln.
Geschäftfeldentwicklung bedeutet hierbei, dass Kompetenzen in folgenden Bereichen entwickelt werden:
Gründungsmanagement (Businessplan)
Strategie
Erarbeitung neuer Versorgungskonzepte
Kooperationsmanagement
Weiterentwicklung des Netzwerkmanagements
Aufbau eines Netzcontrollings
Fortbildung für alle Netzbeteiligten mit Fokus auf das Netzwerkmanagement
Wissenstransfer setzt voraus, dass eine gemeinsame Vertrauenskultur geschaffen werden muss, was erfahrungsgemäß anfangs nicht einfach ist. Es muss eine faire Balance zwischen Geben und Nehmen herrschen. Ein Dienstleistungstool kann die Bereitstellung einer schnellen Eingreiftruppe für Organisation, Rechtsberatung und medizinische Versorgung sein. Dazu kann die Vermarktung gehören wie auch eine IT-Unterstützung oder ein Veranstaltungsmanagement.
Die Netzagentur sollte eine juristisch möglichst einfache und flexible Rechtsform haben, wie ein eingetragener Verein oder eine Genossenschaft, wobei die letztere Lösung von den meisten Tagungsteilnehmern präferiert wurde. Als Vorteil einer Genossenschaft wurde in der Diskussion genannt, dass sie klein starten und bis hin zu einem großen Unternehmen wachsen könne. Für sie sei weniger notarieller Aufwand als für eine GmbH notwendig. Es müssten nur die Interessen der Mitglieder und nicht die der Shareholder (Aktionäre, Investorengruppen) beachtet werden und sie sei resistenter gegen Übernahmen.
Als nächste Schritte sollen bestehende Strukturen weiterentwickelt sowie ein Businessplan und eine Satzung erstellt werden. Eine Steuerungsgruppe mit vier bzw. fünf Beteiligten wurde eingesetzt, wird Ende Juli 2008 das erste Mal tagen und regelmäßig über Fortschritte berichten.