2. Tag der Netze: Ärztenetze brauchen betriebswirtschaftliche Managementstrukturen
Ärztenetze müssen professioneller aufgestellt werden und brauchen betriebswirtschaftliche Managementstrukturen, so das Fazit des „2. Tag der Netze“, den der NAV-Virchow-Bund am 12. April 2008 in Berlin veranstaltete. Nur so können sie in Verhandlungen mit den Krankenkassen und im künftigen Wettbewerb bestehen. Rund 30 Netz-Teilnehmer, fast ausnahmslos aus gut organisierten Netzen jeder Größe, engagierten sich auf dem Netze-Treffen.
Der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. Klaus Bittmann, gab die Stimmung des Netz-Treffens wieder: „Wir müssen die Ärztenetze vernetzen. Falls wir dies in einem Jahr nicht geschafft haben, werden wir keine Chance mehr haben, weil dann die Krankenhäuser und amerikanischen Investorengruppen das Ruder in den Verträgen mit den Kassen übernommen haben.“ Auch bezüglich der Gründung der KBV-nahen Aeskulap-Stiftung heiße es sich zu entscheiden: „sie machen es oder wir“. Dabei müsste die Ärzteschaft dieses Mal alle Eitelkeiten und Eigeninteressen einzelner Gruppierungen ruhen lassen und in vernetzten Netzen zusammenstehen. Die Netze müssten ihre regionale Individualität bewahren, sich dann auf Landesebene und schließlich auf Bundesebene zusammenschließen, insbesondere im Hinblick auf die genannten Verträge.
Der Moderator Dr. Albrecht Kloepfer stellte eine neue Internetplattform der Ärzte-Netze vor. Der NAV-Virchow-Bund biete damit den fast 400 Netzen in Deutschland mit etwa 30.000 Ärzten eine Kommunikations- und Informationsplattform. Auf der Internetseite www.deutsche-aerztenetze.de bestehe für interessierte Ärzte und Betreiber von Ärztenetzen die Möglichkeit, sich über Gründung und Betrieb von Netzverbünden zu informieren. Neben aktuellen Nachrichten und Veranstaltungen aus den Netzen biete die Homepage für Netzverantwortliche in einem geschlossenen Benutzerkreis die Möglichkeit zu Austausch und Information. So könnten das Management von Gesundheitsnetzen und die Netze im Wettbewerb mit hoch organisierten Bereichen wie dem Kliniksektor gestärkt werden. Dazu könne dieser Benutzerkreis Informationen über Vertragsgestaltung und -verhandlung nutzen. Doch auch für die breite und interessierte Öffentlichkeit könne die Homepage erster Anlaufpunkt sein, um sich über ärztliche Netze, Verbünde im Gesundheitswesen oder Kooperationsmöglichkeiten zu informieren. Weiteres zentrales Element sei eine Datenbank mit den Adressen und Verantwortlichen fast aller Ärztenetze Deutschlands. Am 14. April ist die Website freigeschaltet worden und die ersten Test-Logins sind an Netzverantwortliche vergeben worden.
Dipl.-Vw. Stephan Pitum-Weber von der Universität Potsdam stellte sein Fazit voran: die vorgestellten vorläufigen empirischen Ergebnisse einer Befragung unter Ärzten über Management in Gesundheitsnetzen hätte keine positiven Ergebnisse bezüglich einer unternehmerischen und betriebswirtschaftlichen Einstellung gebracht. Dies sei jedoch geeignet, hin zu einer mehr professionelleren Ausrichtung der Netze zu motivieren. Ein ärztliches Netzwerk sei die Basis für einzelbetriebliches Wachstum. Einkaufsmodelle seien die Zukunft. Mit der aktuellen und absehbaren Rentabilität ihrer eigenen Praxis seien die meisten Studienteilnehmer unzufrieden.
Durch die Teilergebnisse ziehe sich wie ein roter Faden, dass die befragten Ärzte immer wieder die Verbesserung der medizinischen Versorgung als entscheidend erachteten, zu wenig jedoch die betriebswirtschaftlichen Aspekte. Der Arzt mit ethisch vorbildlicher Berufsauffassung aber nicht der Praxis-Betriebswirt oder -Manager komme hier zum Vorschein. Zudem nützten noch zu wenige Ärzte für ihre Praxen das Werkzeug des Controllings.
Es gebe Schwierigkeiten in Kooperation und Kommunikation im Netz, was auch dem Zeitmangel der niedergelassenen Ärzte mit eigener Praxis geschuldet sei. Der Zeitaufwand für das Netz sei durchschnittlich mit ein bis zwei Stunden im Monat erschreckend niedrig angegeben. Nach Pitum-Weber sollten sich Ärzte mehr an Dienstleistungsunternehmen orientieren, mit dem Produkt einer gefühlten Servicequalität für den Kunden.
Größere Verbindlichkeit in Ärztenetzen
Claudia Schrewe berichtete als Geschäftsführerin (GF) des Netzes MuM in Bünde: Entscheidend sei in Ärztenetzen die Verbindlichkeit. Das bedeute in der Konsequenz, zu seinen Aussagen zu stehen und diese bis zum Ende zu verfolgen. Die Mitglieder wollten zu viel zu schnell erreichen. Dabei legten sie jedoch einen Mangel an Investitionsbereitschaft an den Tag. Für Netze sei ein Management wichtig und zwar nicht durch einen vollzeitbeschäftigten Praxisarzt sondern durch eine externe Geschäftsführung. Diese könne auf ganz anderer Ebene mit den Netzmitgliedern reden als es von Arzt zu Arzt möglich sei. Im Gesellschaftsvertrag seien klare, verbindliche Ziele festzulegen. Und man solle unbedingt Sanktionen festlegen, bis hin zu einem Ausschluss aus dem Netz. Diese sollten nicht erst mühsam nach Abschluss des Gesellschaftsvertrages implementiert werden, sondern davor. Schließlich gehe es in vielen Netzen um Verträge in Millionenhöhe.
Harald Möhlmann, Beauftragter des Vorstandes der AOK Berlin, beleuchtete alle in Frage kommenden Vertragspartner der Krankenkassen: Vorteil der KVen seien ihre langjährigen Erfahrungen in hochkomplexen Abrechnungssystemen, Nachteil deren geringer lokaler Bezug und dass sie wenig innovationsfähig und wie eine Behörde agierten. Arztgruppen wie MEDI, die Hausärztliche Vertragsgemeinschaft (HÄVG) oder Ärztegenossenschaften würden eine hohe Fachlichkeit, homogene Interessenlage und lösungsorientierte Vorgehensweise vorweisen. Es mangele ihnen meist jedoch an einer umfassenden Abrechnungsqualifikation.